EINE WOCHE LITERARISCHE SCHMANKERL

REWIEW DAS FESTIVAL „LITERATUR IM STIANGHAUS“ FEIERTE EINE ERFOLGREICHE PREMIERE

Eine Woche lang stand er im Zentrum des Geschehens, der eindrucksvolle und doch in der Vergangenheit so stiefmütterlich behandelte Gummibaum im Stianghaus. Eine Woche lang wachte er mit seinen tief hängenden Zweigen und den ausladenden Blättern über das Literaturfestival „Literatur im Stianghaus“, das der gemeinnützige Verein KulturRaum München im Rahmen der Stadtteilwoche Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt erstmals im Treppenhaus der Zenettistraße 2 veranstaltete. Weder er noch das Stianghaus im Schlachthof haben wohl jemals so viel Aufmerksamkeit erhaschen können wie im Juni 2016.

Mit insgesamt über 400 Besuchern war das Stianghaus-Festival ein voller Erfolg. Bereits am ersten Festivaltag, den Andreas Martin Hofmeir mit seinen Anekdoten „Kein Aufwand! Schrecklich wahre Geschichten aus meinem Leben mit der Tuba“ eröffnete, wurden Stühle und Treppenstufen knapp und einige Gäste nahmen mit zusammengebauten Biertragerl als Gesäßunterlage Vorlieb. Genüßlich lauschte das Publikum den wendigen und gschmackigen Erzählungen des international erfolgreichen Tubisten. Eine Stunde lang füllte er das Stianghaus mit kabaretthafter Wortgewandtheit oder wahlweise mit einem Tuba-Solo, das bis hinauf in den 3. Stock hallte. Und als die Moderatorin und KulturRaum-Schirmherrin Liesl Weapon spontan ein Sponsoren-Gstanzl mit ihrem Akkordeon und Hofmeir an der Tuba anstimmte, da wünschte man sich doch die beiden Musiker als Kabarettisten-Duo auch in Zukunft gemeinsam auf die Bühne. 

Zwar keine Premiere, aber nicht minder unterhaltsam war die musikalische Kombination Liesl Weapon und Anton Leiss-Huber, beides Mitglieder der Band Schicksalscombo (siehe auch die Vorberichterstattung von RADIO MÜNCHEN). Auch Leiss-Huber verdonnerte Liesl Weapon zu einem Sponsoren-Gstanzl, bevor er mit seinem Altötting-Krimi „Gnadenort“ loslegen durfte. Danach wurde es etwas gruselig im Schlachthof-Stianghaus. Verfahrene Dorfstrukturen, eine erneut aufkeimende Jugendliebe und ein mysteriöser Mordfall in der Altöttinger Kirche … Mit einem spannenden Cliffhanger und ein kleines bisschen Gänsehaut schickte Leiss-Huber seine Zuhörer schlussendlich in die laue Sommernacht.

Ganz der Lyrik war der zweite Stianghaus-Festival-Tag gewidmet. Schön verzierte Stufen-Gedichte rankten das Treppengeländer (bayr. Stiangglanda) empor bis in den 2. Stock. Mit der Veranstaltung „Stiangglanda-Poesie“ rief die Moderatorin der Veranstaltung Katharina Schweißguth (Münchner Poesiebriefkasten) dazu auf, mitgebrachte Gedichte auf der Treppe vorzutragenfrei, gelesen oder improvisiert. Der Andrang war unglaublich – mehr als 30 Poeten standen im Laufe des Nachmittags auf der Bühne – ganz nach dem Motto „Jeder Mensch ist ein Poet“. Sie füllten mit einer bunten Vielfalt an Reimen, Geschichten und Versen das Stianghaus mit Leben. Was nachmittags noch unverbindliche Mitmachpoesie war, wurde Abends zum harten Contest. Bumillo eröffnete mit acht Poetry-Slammern den ersten Schlachthof4tel Slam auf den Treppenstufen. Gewitzt und absolut professionell ließ er die Slammer gegeneinander antreten – immer mit einem zackigen Kommentar auf Lager. Was den Abend so kurzweilig machte, war die besondere Mischung der Slam-Teilnehmer. Neben bereits erfahrenen Slammern wie Markus Berg, Anni Hengst, Bert Uschner, Mic Mehler, Katrin Freiburghaus und Florian Böhm ergriffen auch Slam-Neulinge wie „Einfach Alex“ und „Rawfinesse“ (aus der Hip Hop-Performance Querfeldreim) die Stufen und machten promt den anderen den Sieg unsicher. Eine ziemlich schwierige Aufgabe für das Publikum, am Ende einen einzigen Gewinner zu bestimmen. Markus Berg schaffte es letztlich mit knapper Mehrheit, zwei Gewinnerkarten für das Konzert „GästeSpiel“ (u.a. mit Spider Murphy Gang) in den Münchner Kammerspielen am 17.7.2016 zu ergattern. 

Ein voller Erfolg war für KulturRaum München der Bücherflohmarkt am Sonntagvormittag, dessen Einnahmen zugunsten des Vereins gingen. Dannach durfte man sich auf einen historischen Streifzug durch das Viertel Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt freuen. Der Münchner Hermann Hahn ist im Viertel groß geworden und hatte für die Zuhörer so manches Insiderwissen über das Viertel im Wandel der Zeit auf Lager. Als Vorspiel zum ersten Deutschland-EM-Auftritt lud Liesl Weapon abends dann die Münchner Bestsellerautorin Asta Scheib auf die Bühne. Die beiden rückten den Maler Carl Spitzweg ins Zentrum des Stianghaus – Asta Scheib las aus ihrer Spitzweg-Biografie „Sonntag in meinem Herzen“ und Liesl Weapon interpretierte Vierzeiler des Romantikers als Gstanzl. Mit stimmkräftiger Unterstützung durch das Publikum. Damit deckte Weapon eine große Leidenschaft des Münchner Malers auf, der ebenfalls viel für Gedichte und Gstanzl übrig hatte. Mit diesem eigens für das Festival zusammengestellten Programm besiegelten die beiden Damen eine sehr erfolgreiche erste Etappe des Stianghaus-Festivals. Die Zuschauer im voll besetzten Stianghaus jedenfalls waren begeistert. Wer weiß, vielleicht treten Weapon und Scheib ja öfters mal in dieser Kombi auf. Man darf es hoffen …

Auch für die jüngeren Lesefreunde hatte sich das Festival spannende Programmpunkte auf die Fahne geschrieben. Mit Meike Haas („Schurkenstraße 7“) und Oliver Pötzsch („Die schwarzen Musketiere“) lud das Festivalteam zwei Kinder- und Jugendbuchautoren ein, die es verstanden, die jungen Zuhörer in den Bann zu ziehen. Zwar war der Andrang aufgrund des Veranstaltungszeitpunktes und der schwer zu fassenden Zielgruppe etwas mäßig, doch die Geschichten von Haas und Pötzsch fesselten die Stianghaus-Gäste. Das Resultat des Tages: glücklich strahlende Kindergesichter einer Sozialeinrichtung, die sich nach der Lesung und einem Malwettbewerb zum Thema „Schurkenstraße“ tolle Preise abholen durften und angetane Jugendliche, die ganz gespannt mitverfolgten, wie man Schießpulver herstellen kann und mit einem Degen fechtet.

80 Seiten spannende Geschichten erzählen und quasi nur einen einzigen Vokal verwenden: Reinhard Ammer nennt das „fesselnde Texte drechseln“. Um „elf Elfen, die auf elf Pferdemetzger treffen“ ging es in seiner Late-Night-Lesung am Festival-Dienstag. Sprachwissenschaftlich und auch lyrisch eine beeindruckende Leistung. Ein unterhaltsames Portrait über Reinhard Ammer und seine literarischen Sprachexperimente hat der Stianghaus-Medienpartner afk tv erstellt. Auch die vorige Lesung von Maggie Pemberton („Kristallgarten“) mit Musik von Stefan Straubinger wurde medial in einer Reportage begleitet.

Mit dem Thema „Flucht und Migration“ setzte das Stianghaus-Festival an den letzten beiden Festivaltagen einen besonderen Schwerpunkt, der trotz EM-Fußballspielen sehr gut angenommen wurde. Fridolin Schley und weitere AutorInnen der Anthologie „Die Hoffnung im Gepäck – Begegnungen mit Geflüchteten“ bewegten die Zuhörer mit Portraits über Geflüchtete in München. Der erste Themenabend endete in einer Publikumsdiskussion mit den AutorInnen Christine Auerbach, Fridolin Schley und Gisela Framhein, moderiert von Andrea Stickel (Refugio München). Zwar mussten für den zweiten Abend die Autorinnen Lena Gorelik und Michaela Karl krankheitsbedingt absagen, doch mit Cornelia von Schelling und Nicola Bardola konnte kurzfristig ein würdiger Ersatz für die Lesung gefunden werden. Am letzten Tag sorgte außerdem der Liedermacher Norman Young mit einigen Stücken seines neuen Albums „Die Verschmelzung der Welt“ für einen stimmungsvollen Ausklang einer Woche, die der Sprache neue Räume erschlossen hatte.

Alles in Allem war das Festival für KulturRaum München und das Stadtviertel ein Riesenerfolg. Das Stianghaus diente eine Woche lang als gemütlicher Treffpunkt für Literaturinteressierte. Und wenn nicht gerade gut besuchte Lesungen stattfanden, dann steckten die ein oder anderen Passanten ihre Nase kurz neugierig ins Stianghaus, gelockt von der Textilinstallation „Glücksbringer“ der Künstlerin Despina Olbrich-Marianou.

Das Festival wurde in den Wochen vor und während der Lesungen durch einen Weblog begleitet. Auf dem extra für das Festival eingerichteten Youtube-Kanal kann man sich auch im Nachhinein schneidige Interviews mit den Autoren und Sponsoren-Gstanzl ansehen. Viel Spaß dabei!

Hier gehts zur Stianghaus-Fotostrecke.